ein altes Kletterseil aus Hanf könne abgeholt werden. Genau ein solches fehlte mir noch in meiner Sammlung!
Seit einigen Jahren sammle ich im Kletterzentrum alte Kletterutensilien, um diese irgendwann einmal in einem Anbau an einer großen freien Wand in Form eines Zeitstrahls zu drapieren: die Geschichte der Kletterausrüstung. Es geht darum, die Entwicklung beim Klettersport sichtbar, erfahrbar, erlebbar zu machen: vom Hanfseil zum imprägnierten Higtechstrang; vom ersten Karabiner ohne Verschluss zum extra sicheren Dreiwege-Verschlusskarabiner. Nicht weniger beeindruckend ist die Entwicklung bei den Sicherungsgeräten: Karabiner und HMS-Knoten, Sicherungsplatte, Achter, Tuber, der erste Grigri und was sich danach noch alles anschloss.
Aktuell gibt es leider keine Wand im Kletterzentrum, die ausreichend groß ist. Aber es muss ja auch noch weiter gesammelt werden, um die die Exponaten-Reihe zu vervollständigen.
Aber Vorsicht! Dies soll kein Aufruf dazu sein, jegliche überflüssig gewordene Kletterausrüstung in der Kletterhalle abzuladen. Wir können kein Partner bei euren Entrüpelungsaktionen oder Haushaltsauflösungen sein. Doch dazu später mehr.
Meine Kollegin Annette hatte den Anruf unseres Vereinsmitglieds Dieter Bortstel entgegengenommen und musste bei der Ankündigung der Haushaltsauflösung und der Übernahme von alten Büchern und Ausrüstung direkt in die Abwehrhaltung gehen. Unser Kletterzentrum platzt aus allen Nähten und wir haben eigentlich keinen Platz mehr. Zuletzt mussten wir sehr kreativ werden, um den Ausrüstungsverleih, den die Sektion aktuell aufbaut, irgendwo unterzubekommen. Außerdem habt ihr vielleicht nicht vergessen, dass selbst unsere Jugend ihren Jugendraum in Containern hinter der Halle ausquartieren musste.
Immer wieder bekommen wir genau diese Anrufe, das alte Kletterausrüstung oder Bücher abzugeben sind und ob wir diese nicht noch verwenden könnten.
Grundsätzlich muss man sagen, dass Kletterausrüstung bezüglich der Sicherheit extrem kritisch zu bewerten ist. An ihr hängt im wahrsten Sinne des Wortes unser Leben. Darum gibt es sehr strenge Regelungen, was wie verwendet werden darf und welchen Wartungsintervallen es unterliegt. Außerdem entwickelt sich die Technik stetig weiter und was früher modern war, wird heute schon lange nicht mehr benutzt.
Früher war man bei Karabinern, die einmal in die Tiefe gefallen waren, sehr besorgt, da diese beim Aufprall Haarrisse gebildet haben könnten, die nicht erkennbar sind und den Karabiner deutlich schwächen können. Seit den 90ern gibt es diese Befürchtung nicht mehr. Fertigungstechniken und Materialien haben sich weiterentwickelt. Aber auch der Stand der Technik und der Komfortgedanke haben sich entwickelt. So werden heute kaum mehr Karabiner verwendet, die sich nicht selbständig verriegeln. Und dies nicht nur durch einfaches Drehen. Wir reden von 3-Wege-Karabinern, bei denen drei Bewegungen notwendig sind, um den Karabiner zu öffnen. Der klassische Schraubkarabiner findet in der heutigen Kletterpraxis speziell beim Sportklettern immer weniger Anwendung.
Schlaghaken wurden durch mobile Sicherungsgeräte wie Friends ersetzt. Der Abseilachter wurde durch den Tuber ersetzt. Und den guten alten Halbmastwurf-Knoten (HMS) zum Sichern kennt der moderne Hallenkletterer nicht mehr.
Bei jeglicher Kletterausrüstung aus Gewebe/Textil, also Klettergurten, Seilen und Schlingen, sieht es bei der Verwendung noch viel dramatischer aus. Diese Materialien altern durch UV-Licht ganz von alleine und halten dann nicht mehr das, wofür sie einmal ausgelegt waren. So gibt es für diese Produkte eine maximale Lebensdauer von zehn Jahren, auch wenn sie kaum benutzt wurden oder selbst wenn sie originalverpackt sind. Bei einer regelmäßigen Verwendung müssen solche Ausrüstungsgegenstände natürlich deutlich früher aussortiert werden.
Aus all diesen Gründen können wir alte Kletterausrüstung nicht mehr verwenden. Ein altes Seil könnte sich vielleicht noch als Spielseil für Kinder eignen. Und Karabiner können eventuell noch in der Garage oder Werkstatt eine Anwendung finden.
Wer seine alten Kletterseile fachgerecht recyceln und noch eine sinnvolle Verwendung finden möchte, findet neuerdings im Kletterzentrum eine Sammeltonne. Hier recycelt die Firma NewSeed zusammen mit der Lebenshilfe alte Kletterseile und stellt hieraus neue Produkte wie Handyhüllen, Platzdecken, Laptophüllen oder Hundeleinen her.
Zurück zu unserem Vereinsmitglied mit dem Hanfseil. Meine Kollegin hatte sich richtig erinnert: An einem alten Hanfseil hatte ich tatsächlich noch Interesse und so wagte ich den Anruf bei Dieter Bortstel und verabredete mich mit ihm eine Woche später. In seinem am Feldrand gelegenen Häuschen nahm mich Dieter Bostel, Jahrgang 1933, mit in sein Arbeitszimmer in die erste Etage. Schon auf dem Weg dorthin hingen die Wände voller Gipfel-Abbildungen und Erinnerungen an das ein oder andere Bergabenteuer. Als er dann die Tür zum Arbeitszimmer öffnete, staunte ich nicht schlecht. Hier ging es nicht um ein paar vereinzelte Ausrüstungsgegenstände. Dieter Borstel hat in über 73 Jahren Bergsportleidenschaft und als Sektionsmitglied seit 1953 sein eigenes privates Alpinmuseum sowie die dazugehörige Bibliothek geschaffen. Liebevoll dekorierte Exponate aus der Geschichte des Alpinismus, Reisen nach Tibet und in zahlreiche andere Bergregionen. Alles gepaart mit jeder Menge Mineralien, die der gelernte Vermesser leidenschaftlich sammelt.
Von all dem müsse er sich nun trennen. Seine Frau Elisabeth, die ihn beim Großteil seiner Abenteuer „an den Fels“ begleitete, und er zögen noch im Mai in eine Altersresidenz um. Hierher können sie nur ein paar wenige, sehr besondere Andenken mitnehmen, alles andere müsse jetzt weg, sonst drohe ein Ende im Container.
Puh… da war er, der Konflikt zwischen dem, was man nicht im Müll sehen will und dem Platz, den wir im Kletterzentrum nicht haben.
Bei einer so großen privaten Sammlung kam mir der Gedanke, ob das Alpine Museum des DAV in München noch etwas sucht. Durch die Absprachen für unser sektionseigenes Exponat zu unseren Nachhaltigkeitsbemühungen in der Dauerausstellung des Museums hatte ich mit Moritz einen guten Kontakt. Darum rief ich ihn umgehend an. Er kannte das Dilemma, in dem ich steckte, machte mir aber keine Hoffnung, etwas abnehmen zu wollen. Ihre Archive wären zum Bersten voll. Aber er hatte einen guten Einwand: Wenn es ohnehin Ausrüstung im „Überfluss“ gäbe, könne es mitunter verschmerzt werden, wenn sie nicht in einer Vitrine verschwinde. Im Gegenteil: Geschichte könne mit den Exponaten zum Anfassen und erlebbar gemacht werden.
Das ist ein Konzept ganz nach meinem Geschmack und bietet eine Möglichkeit, vielleicht doch noch etwas Platz im Kletterzentrum zu finden. So wanderten einige Exponate zur Mitnahme in Kisten. Von Bergliteratur habe ich nur wenig Ahnung. Darum konnte ich von der nichts, was sich eventuell noch in einem Sektionsarchiv aufzubewahren lohnt, mit gutem Gewissen mitnehmen. Auch würde ich nicht wagen, unserer Büchereiverantwortlichen Kerstin eine Kiste voll alter Bücher vor die Füße zu stellen, um das Problem zu verlagern. Letztendlich nahm ich lediglich die Bildbände mit atemberaubenden Bergpanoramen, mit. Sie können die Exponate zum Anfassen gut ergänzen.
So gibt es seit Anfang Mai im Bistro unseres Kletterzentrums, direkt unterhalb der riesigen Wandgrafik mit dem Zeitstrahl der Entwicklung der Bremer Hütte, eine Alpine Leseecke mit zahlreichen Bildbänden zum Stöbern, dekoriert mit Ausrüstungsgegenständen aus Dieter Borstels Bergsteigervergangenheit. Eine gelungene Symbiose aus Alpinismus und dem Klettern an Plastikgriffen in der Halle, aus alter Tradition in den Bergen und modernem Breitensport in der Heimat.
Bei dem einen Besuch sollte es nicht bleiben. Zu viel war noch zu sichten, von dem ich keine Ahnung hatte. Mit unserem Mitglied Peter Meier fand ich fachkundige Unterstützung, die mich bei einem weiteren Besuch unterstützte. Gemeinsam holten wir noch einige Bücher, Exponate und auch Bilder ab, die in einer irgendwann mal realisierten Erweiterung unseres Vereinszentrums wahre Hingucker in einer Leseecke einer gemütlich gestalteten Bibliothek sein könnten. Für den Moment konnten wir alles im Kletterzentrum verstauen. Jetzt ist wirklich kein Platz mehr! Darum: Nein, wir brauchen nichts mehr. Danke!
Ich hoffe Dieter Borstel und seine Frau hatten einen guten Umzug und fühlen sich jetzt wohl in ihrem neuen Zuhause, auch wenn sie vieles zurücklassen mussten. Aber vielleicht können sie ja mal einige ihrer alten Sammlerstücke in der Kletterhalle besuchen. Die Einladung zum Kaffee steht.
Jonas Loss
Betriebsleiter des Kletterzentrums